News|World Culture Forum|Konferenzen|Presse|Service|Programm Junges Forum
World Culture Forum
Stimmungsbild für Panels European Congress 2009


Europa eine Seele geben


Europäer sind voll der Kritik an Europa. Oft hat diese Kritik, zumal wenn sie von Politikern vorgetragen wird, den Anschein, dass sich das Management Europas außerhalb desselben abspielt. Außerhalb der eigenen Verantwortung. Ausgangspunkt für das Forum „Europäische Verantwortung der Kulturpolitiker in den Städten und Regionen“ ist die Feststellung einer Identifikationskrise der EU-Bürger mit der Europäischen Union und mit Europa im Generellen. Regeln über die Tomatenpreise sind in Europa bewusster als die Kategorien, die mit europäischer Kultur verbunden werden. Dabei ist die Annahme der „Stiftung Zukunft Berlin“, die zu diesem Forum eingeladen hat, dass es nur dann eine Identifikation mit Europa geben kann, wenn ein gemeinsamer Wertegrundsatz in der Öffentlichkeit wieder wahrgenommen wird.

In der Diskussion wurde sehr schnell klar, dass es keine gemeinsame Definition von einer europäischen Kultur geben kann und geben sollte. Jedoch stellte sich die Frage, was die Seele Europas ausmacht. Ein Pfeiler europäischer Kultur ist offensichtlich ihre ökonomische Kraft, welche die Fähigkeit besitzt, Feindschaften zu überwinden. Hier liegt eine Quelle für die Stabilität in Europa, jedoch ist diese Gewissheit kein Garant dafür immer in Frieden leben zu können. Allein die wirtschaftliche Prosperität ist immer nur ein Status auf Messers Schneide, wie die aktuelle Krise vor Augen führt. Von daher ist es wichtig nach weiteren Pfeilern europäischer Kultur zu fragen.

Aus den historischen Umbrüchen und Brüchen Europas lässt sich ein weiteres Element ableiten. Der Großteil der europäischen Familiengeschichten sind Migrationsgeschichten. Migration aufgrund von Kriegen, Katastrophen, Revolutionen oder sonstigen Umbrüchen sind Schicksale, die sich in fast jeder Biografie nachzeichnen lassen.

Ein weiterer Pfeiler wird neben dem gemeinsamen Erfahrungshintergrund auch durch das gemeinsame Bekenntnis zur Menschenwürde beschrieben. Die Umsetzung der Menschenwürde kann jedoch nur in Freiheit erlangt werden. Freiheit bedarf aber eines zwischenmenschlichen Umgangs unter dem Postulat der Liebe. Derivate der Liebe sind Geduld, Mitleid, Höflichkeit, Zuvorkommenheit, Weisheit, Klugheit, Tapferkeit und das rechte Maß. Diese Voraussetzungen des Zusammenlebens entspringen dem europäischen Gedanken nach der Katastrophe von 1945 und sind daher ein immer wieder neu zu errichtender Pfeiler. Die Verinnerlichung der Menschenwürde ist zugleich Basis und Auftrag für die Zukunft.
Europäische Kunst ist ebenso Pfeiler europäischer Kultur. Als Ausdruck einer kulturellen Praxis funktioniert Kunst im europäischen Raum als Ausdruck von Abgrenzung und Gemeinsamkeit. Kunst als Transformator stellt das Fremdbild dar und konterkariert damit das Selbstbild. Mit Ironie, Interpretation, Zusammenspiel und Kritik sorgt Kunst für Dialoge, Reibereien und Diskussionen bis hin zu Demonstrationen und Boykottaufrufen. Kunst hat die Fähigkeit die Kultur Europas aufschäumen zu lassen.

Eine gemeinsame Europäische Kultur ist damit immer noch nicht gefunden und genau hierin liegt eine Wesensart Europäischer Kultur. Auf einen gemeinsamen Nenner gebracht liegt die Gemeinsamkeit in einer Art Familienähnlichkeit. Auch in Familien gibt es Unterschiede und Feindschaften, was nicht als Definition zu verstehen ist, sondern als Projekt.

Was für die Kultur Europas ein Gewinn sein könnte, stellt sich in der kulturellen Praxis als Hemmnis dar. Die durchaus begrüßenswerte Unschärfe der europäischen Kultur führt zu Orientierungsproblemen für Politiker und Bürger. Zwei Beispiele dafür sind die Vermengung der Begriffe Kultur und Kreativität, die sich in den Bezeichnungen „cultural economy“ oder „creative economy“ widerspiegelt, oder die Kopplung der Begriffe Kultur und Bildung, wie sie in Deutschland vorherrscht. Diese Entwicklung hat ein und denselben Ursprung. Kreativität für die Wirtschaft als Ressource auf der einen und Entwicklung des Menschen hin zu einer besseren Leistungsfähigkeit auf der anderen Seite. Es geht nicht mehr um die voraussetzungslose Entwicklung von Kultur, wie sie im humanistischen Sinne angelegt ist, sondern um die Nützlichkeit von Kultur.

Die in der Frage nach der Nützlichkeit der Kultur angelegte Vollökonomisierung derselben gilt es zu hinterfragen. Dies ist vor allem darum wichtig, weil die ökonomischen Kriterien wie Mehrwert, Gewinn oder Verwertbarkeit für die Kultur nicht zu operationalisieren sind. Der urbane Mehrwert für die Stadtentwicklung nach einer Investition in den Kultursektor ist mangels empirischer Werkzeuge nicht darstellbar. Es ist daher nötig Kultur weniger unter dem kreativen und damit ökonomisierten Blickwinkel zu sehen als vielmehr in einem zivilisatorischen Kontext. Kultur als „Civilisation“, wie er im englischen und französischen Verständnis gebraucht wird, entspricht dem breiten Kulturbegriff wie er vom WORLD CULTURE FORUM verfochten wird.

Die Dominanz ökonomischer Bewertungsmaßstäbe und ökonomischer Denkmodelle hat ihren Ursprung nicht in der Vermengung von Kultur und Kreativität. Dabei handelt es sich um ein Ergebnis eines sich im Prozess befindenden Wertewandels. In den letzten Jahrzehnten, gerade nach dem Ende der sozialistischen Systeme in Europa und dem von Francis Fukuyama postulierten Ende der Geschichte, entwickelte sich die liberale Grundeinstellung der westlichen Demokratien zu einer „Alles ist möglich“-Mentalität. In dieser Mentalität nimmt die Würde des Menschen als Pfeiler europäischer Kultur schaden. Wir verlieren das Wissen, wie die Würde des Menschen zu definieren ist und warum sie eine Voraussetzung der Freiheit darstellt. In dieser Inkompetenz liegt eine fundamentale Ursache für die derzeitige Weltwirtschaftskrise.

Diese kulturelle Krise durch die dominierende Stellung der Ökonomie erschwert auch das europäische Projekt der Kulturhauptstädte. Im Vergleich mit den politischen oder wirtschaftlichen Hauptstädten Europas leisten sie keinen dauerhaften Beitrag für das Zusammengehörigkeitsgefühl und damit für die Weiterentwicklung Europas. Ein Grund hierfür ist die Projektevaluation, die primär nach der Anzahl und Besucherstärke der Veranstaltungen fragt und eben nicht nach deren Leistung für Europa. Die meisten Städte stellten ihre eigene Kultur in den Vordergrund bzw. orientierten sich an Gewinnerwartungen im touristischen Bereich. Die europäischen Kulturhauptstädte sollten nicht nur ihre Chance sehen, ein Jahr im Lichte Europas zu stehen, sondern es als Verpflichtung begreifen, langfristig dieses Licht in Europa heller zu machen.

Die europäischen Kulturhauptstädte können sich mit verschiedenen Feldern intensiver beschäftigen und dabei eigene, aber eben auch europäische Profile entwickeln. Nur so können sie zu Orten werden, welche die Kultur Europas aufschäumen lässt. Gerade in den Städten ist dies möglich. Denn hier ist Europa anschaulich erfahrbar. Dies gilt beispielsweise für Städte in Grenzregionen. Da wo früher Feindschaften zu Tage traten, gab es in den letzten 60 Jahren einen Paradigmenwechsel hin zur Zusammenarbeit. Auch die familiären Erfahrungen der Migration als europäisches Schicksal, muss in den Kulturhauptstädten stärker Beachtung finden. Es gilt Migration nicht als Bedrohung sondern als Ferment europäischer Existenz zu begreifen.

Dort wo das Konzept der Kulturhauptstädte nicht greift oder aber verpufft, kann eine erfahrbare europäische Profilierung auch an Städtepartnerschaften entwickelt werden. Dieses Instrument wird zurzeit leider noch ungenügend genutzt, aber für ein kommunales und damit flächendeckendes Europagefühl liegt hier die größte Chance.
Es muss klar werden, dass die Verantwortung für das Gelingen eines friedlichen und zukunftsfähigen Europas über seine ökonomische Stärke hinaus, nicht allein in Brüssel liegt sondern in gleicher Weise in den Kommunen und Gemeinden. Kulturelle Verantwortung ganz praktisch heißt, dass auch der Kulturdezernent in Dresden eine Verantwortung gegenüber Europa und nicht nur gegenüber den Dresdnern selbst hat. Es ist wichtig zu verstehen, dass die kulturelle Praxis für Europa nicht in Brüssel entsteht sondern in den Regionen und Kommunen, in den Städten genauso wie in der Familie. Gerade im vorpolitischen Raum müssen die Achtsamkeit des Herzens und damit die Bedeutung der Menschenwürde heranwachsen damit sie zu einer politischen Kultur heranwachsen kann.
Die an öffentlichen Orten geführte Diskussion über die Pfeiler einer europäischen Kultur kann ein Beitrag dazu sein, die kulturelle Praxis Europas weiterzuentwickeln. Die vermeintliche Schwäche, europäische Kultur nicht definieren zu können, kann so wieder zu einer Stärke umgewandelt werden. Die Befassung mit der Seele an sich machte unseren Kontinent stark. Unter dieser Voraussetzungslosigkeit sollen sich die Kommunalpolitiker für die europäische Sache einsetzen. Nicht aufgrund von einer bestimmten Nützlichkeit, Mehrwert oder einer Erwartung an steigenden Touristenzahlen, die, daran darf kein Zweifel sein, auch folgen müssen. (Kai Kranich)

Referenten:

Susana Marques, Portugal, Mitbegründerin des portugiesischen Zentrums Setepes für Kunst, Wissenschaft und Bildung in Porto
Yuriy Vulkovsky, Bulgarien, unterrichtet Kulturpolitik an der Neuen Bulgarischen Universität und an der Universität Sofia.
Prof. Dr. Harald Mieg, Metropolen- und Innovationsforschung am Geographischen Institut der Humboldt Universität Berlin.
Moderation: Dr. Volker Hassemer, Initiator und Moderator der Diskussionsrunde. Vorstands-vorsitzender der ‚Stiftung Zukunft Berlin’, ehem. Senator für Stadtentwicklung und Umweltschutz in Berlin.


Ansatz:

In diesem Themenforum wird ein europäischer Leitfaden für die Arbeit von Kommunalpolitikern diskutiert werden. Ausgehend von der Identifikationskrise von Bürgern mit der EU, sind konkrete Angebote und Anstöße zur Ausschöpfung der einzigartigen kulturellen Potenziale Europas nötig. Das Handbuch führt Akteure an die Felder heran, in denen „alltägliche“ kommunale Kulturpolitik sich in europäischer Verantwortung sehen sollte.



Zeit/Ort

Samstag, 10. Oktober 2009, 13:30 bis 15:00 Uhr
Gläsernes Studio in der Gläsernen Manufaktur von VW

Weitere Hinweise

Simultanübersetzung deutsch/englisch
Partner/Initiator: Stiftung Zukunft Berlin ("A Soul for Europe")

‚A Soul for Europe’


Die ‚Stiftung Zukunft Berlin’, die in Deutschland Projektpartner des europaweiten Netzwerkes ‚Soul for Europe’ ist, sucht als Partner 100 Städte, Gemeinden oder Landkreise, die den aktuell erarbeiteten Europa-Leitfaden anfordern, um sich mit allen politisch Verantwortlichen gemeinsam der Herausforderung Europa zu stellen und den Bürgern vermitteln, dass auch ‚ihr Ort’ ein wichtiger Baustein Europas ist.
Bei der 3. Berliner Konferenz in 2008 wurde vor allem der Nutzen europäischer Kultur für die europäische Wirtschaft aus unterschiedlicher Sicht dargestellt – mit der klaren Einigkeit: Kultur ist für die weltweit agierende europäische Wirtschaft ein enormer Vorteils-Faktor. Werte wie Umgangsformen, Verlässlichkeit, Qualität der Produkte und die Qualifizierung der Mitarbeiter, wie auch ethische Grundsätze oder Corporate Citizenship sind ‚starke’ Argumente im Globalen Markt.

Bild Hassemer

„Die Verantwortlichen in der Wirtschaft sind da den Verantwortlichen aus der Politik sicher einige Schritte voraus.“, so der Sprecher der Initiative ‚Europa eine Seele geben’, Dr. Volker Hassemer. „Ich wünsche mir, dass mehr Gemeinden in Deutschland beginnen, europäische Verantwortung zu übernehmen. Wir wollen mit unserer Diskussionsrunde Impulse geben und dazu ermutigen, unseren Leitfaden anzufordern und sich an diese, für die Zukunft unserer Städte wichtige Aufgabe heranzutrauen. Ich freue mich, wenn besonders viele politisch Verantwortliche aus Städten, Gemeinden und Landkreisen am WCF teilnehmen.“

Thesen zum WORLD CULTURE FORUM aus der Sicht des Themenforums

„Verantwortung kommunaler Akteure in Gesellschaft und Politik für die Entwicklung Europas“:
1. Kultur war und ist der Fundus, aus der sich die Besonderheit Europas entwickelt hat. Sie hat
bis zum heutigen Tage alle Felder sozialen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Handelns
geprägt. Sie ist mitverantwortlich für deren Erfolg.
2. Das scheint man vielerorts vergessen zu haben. So spiegelt die Entwicklung der Europäischen
Union diese Grunderkenntnis nur am Rande wieder. Andere Faktoren und Instrumente prägen
die Einigungsentwicklung Europas stärker.
3. So kann die Europäische Union nicht erfolgreich sein. Vieles von der Verdrossenheit der
Bürger hängt damit zusammen, dass sie das Kulturelle, die Bezogenheit zu Werten und
inhaltlichen Zielen, dass sie sich im Ergebnis selbst nicht mehr in dieser europäischen Praxis
wiedererkennen. Sie drohen, sich vom Projekt Europa abzuwenden.
4. Die Antwort darauf darf nicht nur theoretisch sein. Nötig sind konkrete Angebote und Anstöße,
die europäische Entwicklung und die sie tragenden Bürgerinnen und Bürger zur Ausschöpfung
der kulturellen Potentiale auf diesem europäischen Weg veranlassen.
5. Das Handbuch zur europäischen Verantwortung der im Bereich der Kultur zuständigen
kommunalen Akteure will ein solches Instrument sein. Das Handbuch führt diese Akteure
heran an die Felder, in denen „alltägliche“ kommunale Kulturpolitik sich in europäischer
Verantwortung sehen sollte. Und es ist eine Anleitung, um die Vielfalt der lokalen
Ausprägungen der Kulturen in Europa zu einem Werkstoff für die Union zu machen.

Robert Bosch StiftungGlashütte OriginalDie Gläserne ManufakturSachsenFaber & MoldenhauerKulturstiftung des Freistaates SachsenGoethe-Institut DresdenSponsorenleiste