Spiritualität oder Logik
Wie groß ist die Chance, eine Balance zwischen den großen Kultur-Bereichen zu schaffen? Existiert diese Chance überhaupt? Und falls ja, dient uns als Basis dafür eher das zyk¬lische Denken der Ureinwohner unseres Planeten wie jenes der alten Kultur der Maya? Oder ist doch eher der Weg des linearen Denkens in den westlichen, hoch¬ent¬wick¬elten Ländern der aussichtsreichere Weg? Hinter dieser Ungewissheit verbirgt sich die Frage, ob es vielleicht zunächst notwendig ist, die aktuelle Domi¬nanz der Logik mit einer bereits viel älteren Spiritualität der Menschen in Einklang zu bring¬en, bevor es eine tatsächliche Balance der Kulturen geben kann. Zu einem Schlüssel¬jahr in der Beantwortung der Frage nach unserer Zukunft und Entwicklung auf der Erde hat sich immer mehr das Jahr 2012 entwickelt – ein in der alten südamerikanischen Maya-Kultur besonderes Datum.
Der alte Mayakalender definiert einen Tag im Dezember 2012 als einen einzig¬artigen Termin, dem jetzt weltweit besondere Aufmerksamkeit zu Teil wird. Im System der drei vom Volk der Maya verwendeten Kalender – dem rituellen Tzolkin-Kalender, dem zivilen Haab-Kalender und der so genannten Langen Zählung – tritt nämlich dann eine außer¬gewöhnliche Konstellation zum ersten Mal nach über 5.100 Jahren wieder ein: die erste Wiederkehr der Datums-Konstellation des Schöpfungstages der Langen Zähl¬ung. Weil damit gewissermaßen an die exakt gleiche zahlenmäßige Aus¬gangssituation wie vor über 5.000 Jahren angeknüpft wird, und sich sozusagen das Schließen eines Kreises erkennen lässt, rechnet manch einer diesem Tag am Ende des Jahres 2012 ein besonderes Ereignis zu: und zwar kein geringeres als den Untergang der Welt.
Ob die Welt Ende 2012 allerdings tatsächlich dem Untergang geweiht ist, bleibt uns allen nur abzuwarten. Der sich zyklisch schließende Kreis aus etwas mehr als 5.100 Jahren im Maya-Kalender stellt jedoch einen deutlichen Kontrapunkt zu dem in der westlichen Welt verbreiteten Denken dar. Das Denken in Zyklen widerspricht dem linearen, logischen Denken offensichtlich grundlegend. Denn während dieses durch ein fortwährendes Geradeaus aus Rationalität, beharrlichem wissenschaftlichen Fortschritt und einer alle Lebensbereiche prägenden techno¬lo¬gischen Entwicklung geprägt ist, waren alte Kulturen zu einem großen Teil aus Spiritualität erwachsen und beschaffen, und sind es vielfach noch bis heute geblieben. Ob und wie diese beiden offenbar gegen¬sätzlichen Weltbilder und Denkwelten in eine Balance zu bringen sind, muss aus dem Blickwinkel gegenwärtiger Entwicklungen betrachtet werden.
Heute im Jahr 2009, drei Jahre vor dem als Schlüsseljahr hochstilisierten Jahr 2012, gerät zunächst einmal ein anderes Weltbild ins Wanken und scheint unterzugehen: nämlich das von der Allmacht des Geldes und dem Primat des Ökonomischen. Aus¬löser dafür ist die schwere weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise, die seit der zweiten Hälfte des Jahres 2008 die inter¬natio¬nale Staatengemeinschaft in Atem hält. Die Wurzel sowohl dieser Krise als auch aller anderen Probleme und Krisen auf der Welt ist, laut Prof. Laszlo, tief in unserem ureigensten, menschlichen Verhalten be¬gründet. Genauer betrachtet, im Verhalten der vornehmlich westlichen, hochin¬dus¬tri¬ali¬sierten Welt und ihrer Art mit dem Planeten umzugehen. Unsere ganze Art und Weise zu denken, zu kommunizieren, zu entwickeln, unsere Umwelt und natürlichen Ressourcen für unsere Zwecke zu verwenden und unsere Technologien zu benutzen, fließen zusammen zu den Ursachen der haus¬gemachten Krisen und Ge¬fahren.
Alle unsere Verhaltensweisen haben uns das Verständnis für Natur und Um¬welt, unsere enge Bindung an diese sowie die mannigfaltigen Wechselwirkungen zwischen den Systemen verlieren lassen. Der über unseren Planeten kommende Klimawandel oder auch Wasser-, Rohstoff- und andere Ressourcenknappheiten bilden demzu¬folge nur erste logische, sichtbare und spürbare Auswirkungen dieses aktuellen Missverhältnisses zwischen Mensch und Umwelt. Hier ist etwas gewaltig aus der Balance geraten und es bedarf eines neuen Denkens. Und zwar, so Prof. Laszlo, eines nachhaltigen, systemübergreifenden Denkens und Handelns. Dieses neue Verständnis zwischen Menschheit und der natürlichen Umwelt kann nicht allein auf Spiritualität oder Theologie oder Logik beruhen, sondern muss ein ganz¬heitliches Denken aus allem sein.
Weil schwere Krisen und Katastrophen oftmals auch einen Anlass zur Besinnung auf Werte und Normen bilden, deren Be¬deutung in besseren Zeiten vielfach unterschätzt oder ganz vergessen wird, erfüllt die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise einen aber auch durchaus gut zu heißenden Sinn und Zweck. Nämlich eben diese Chance zur Rück¬be¬sinnung auf Werte, die über den Primat des Ökonomischen hinausgehen. Die Werte der Menschlichkeit – Liebe, Mitgefühl, gegenseitige Hilfe, Großzügigkeit und noch viele andere mehr – erfahren wieder eine größere Beachtung. Diese Werte können allerdings nicht nur in die Krise geratene Gesellschaften wieder enger zusammen schweißen, sondern sie bilden ebenso auch die Wurzeln der Spiritualität in der Lehre Sri Sri Ravi Shankars’.
Auf den ersten Blick scheinen diese Werte und Ravi Shankars’ Lehren von Spiritualität und der Kunst des Lebens den westlichen Systemen von Liberalismus und Kapitalismus sowie einem nahezu ungezügelten wissenschaftlich-technologischem Fortschritt zu wider¬sprechen. Das diese beiden Systeme aber dennoch nicht konträr zueinander stehen, darin sind sich Sri Sri Ravi Shankar und Prof. Laszlo vollkommen einig. Der Vertreter der scheinbaren west¬lichen Dominanz von Wissenschaft und Logik und der Vertreter einer Lehre der Spiritualität stimmen nämlich genau in dem Punkt überein, der keine Antwort auf die einleitend gestellte Frage zulässt. Auf die Frage nach dem aussichtsreicheren Weg für Zukunft und Entwicklung der Menschen auf der Erde.
Es ist nämlich keiner der beiden Wege, weder jener von einer Dominanz der Logik, noch der eines alten spirituellen Denkens, der richtige und ausschließlich erfolgreiche Weg. Stattdessen bedarf es einer weltweiten Balance aus einem Mehr an gelebten menschlichen Grundwerten als Wurzel all unseres Handelns, und einem langfristig-nachhaltigem techno¬logischem und wissenschaftlichem Fortschritt. Nicht allein kurzfristige öko¬nomische Interessen können das Ziel unseres Handelns sein, sondern nachhaltiges Wirt¬schaften. Nicht allein eine Rückbesinnung auf spirituelle Werte und Menschlichkeit vermag die derzeitigen und künftigen Probleme zu lösen, sondern nur eine neue Kultur der Ganzheitlichkeit; einer neuen, ganz¬heitlichen Sicht der vielen einzelnen Bestandteile des menschlichen Seins und ihrer Bedeutungen und Wechselwirkungen.
Beginnen wir also damit, die Welt wieder als einen fast unbegreiflich großen und vielgliedrigen Organismus aufzufassen, dessen zahlreiche Einzelteile und Systeme alle miteinander zusammenhängen und sich unaufhörlich gegenseitig beeinflussen. Wenn sich ein solches neues Denken durchsetzt, sollte nicht nur das Jahr 2012 erfolgreich gemeistert werden können, sondern auch alle weiteren noch vor uns liegenden Heraus¬forderungen. (Christian Könning)
Forum:
2012 - Dominanz der Logik oder Chancen für Spiritualität
Teilnehmer:
Prof. Dr. Ervin Laszlo (Ungarn), Cherno Jobatey (Moderation), H.H. Sri Sri Ravi Shankar.
Ansatz:
Sri Sri Ravi Shankar und Prof. Ervin Laszlo im Dialog.Haben wir eine Chance, eine Balance zwischen den Großen Kultur-bereichen zu schaffen? Wenn ja, dient uns als Basis dabei das zyklische Denken der Ureinwohner des Planeten (z.B. Maya Kalender) oder ist der Weg des Linearen Denkens (immer mehr, immer nach vorne), der Weg der industrie-orientierten westlichen Länder, der richtige? Müssen wir die aktuelle Dominanz der Logik mit der viel älteren evolutionären Spiritualität der Menschheit in eine Balance bringen, bevor wir die Kulturbereiche in Balance bringen können?
Das Jahr 2012, u.a. im Maya-Kalender erwähnt, entwickelt sich zu einem hochstilisierten Schlüsseljahr für die weitere Entwicklung unseres Bewusstseins und damit für eine zukünftige Einstellung zu unserem Planeten. Wird dieses Symbol-Jahr nicht überbewertet? Oder müssen wir uns auf einen Quantensprung globaler Spiritualität einstellen? Geht die Welt unter oder sind wir am Beginn einer neuen Gesellschaftsordnung?
Prof. Ervin Laszlo und Sri Sri Ravi Shankar laden alle Teilnehmer ein, mit ihnen gemeinsam dieses Phänomen zu analysieren, damit wir nicht „überrascht“ werden.
Samstag 10. Oktober 2009, 15:30 - 17:00 Uhr
Tagungsort 2: Gläsernes Studio in der VW Manufaktur
Simultanübersetzung deutsch/englischThemenverantwortlicher: WCF-Team